Spotlight on Ambos Mundos:

Interview mit der Sängerin Tanja Nerfin (Salsa Sabrosa Nr. 21, Februar 2001 - www.stz.ch)
SaSa: Tanja, wie lange existiert Ambos Mundos, wie kam es zur Gründung, und wie entstand der Name Ambos Mundos - etwa durch eine Liebesgeschichte?
Tanja: Die Gruppe entstand im Dezember 1994. David Nerfin, der Bandleader von Ambos Mundos, ist damals nach Kuba gereist, um zu studieren. David und ich haben uns dann auf wunderbare Art und Weise kennengelernt, nämlich auf einer Bühne. Anlässlich eines Unterhaltungsabends habe ich mit meiner damaligen Gruppe afrokubanische Lieder gesungen und David nahm an einer Präsentation von ausländischen Studenten teil. Wir kamen miteinander ins Gespräch: ich hatte damals vor, ein Theater-Projekt zu realisieren und David hatte die Idee, Theater und Musik miteinander zu kombinieren. Damit war Ambos Mundos eigentlich geboren. Zuerst bestand Ambos Mundos aus 3 Komödianten und 2 Musikern. Unsere Gruppe war zu Beginn aber eher ein Projekt der Komödie, des Dialogs, der Gestik, der Poesie mit ein wenig Musik. Damals hatten wir auch gar nicht die Möglichkeit, nur Musik zu spielen. Übrigens: Der Name unserer Gruppe lautet zwar gleich wie der Name des Hotels in La Havana Vieja, in dem Hemingway oft logierte. Unser Name entstand jedoch aus ganz anderem Grund: einer der Komödianten hatte die Idee, die Gruppe so zu nennen, weil David und ich aus beiden Welten („ambos mundos"), der Alten und der Neuen, kämen.
SaSa: Woher stammen die aktuellen Mitglieder der Band geographisch und musikalisch?
Tanja: Ausser David stammen alle Musiker aus Kuba. Das ist wichtig, um authentisch zu spielen. Die Musiker sind Alfredo Perez (Gesang/Kontrabass), Eduardo „Nana" Jimenez (Gesang, Tres, Guitarre, Trompete), Reynaldo Zayas (Gesang, Tres, Guitarre), David Nerfin (Gesang, Perkussion). Ein Musiker hat jeweils den nächsten nach sich gezogen. Mit Schweizern zu arbeiten ist auf der anderen Seite fast unmöglich. Viele wollen nur arbeiten, wozu sie Lust haben und trotzdem Geld verdienen. Die Ansprüche sind einfach zu hoch. Als Musiker kann man einfach nicht reich werden. Das wiederum veranlasst die Musiker hier, nicht zu viel in die Musik zu investieren und Nebenjobs zu haben, woraus dann häufig eine gewisse Mittelmässigkeit resultiert. Unsere Musiker, David und ich leben hier und lebten schon in Kuba ausschliesslich für die und von der Musik oder anderen künstlerischen Betätigungen. David ist Perkussionslehrer in Genf und ich arbeite als Theater- und Gesangslehrerin.
SaSa: Wie kam es dazu, dass ihr euer Repertoire auf den Son konzentriert?
Tanja: Uns gefällt diese Musik. Immer wenn neue Musiker zur Gruppe stossen, gibt es jedoch neue Einflüsse. Alfredito brachte beispielsweise Salsa-Einfluss in die Gruppe ( „La Lengua" ist ein Beispiel hierfür). In den letzten Jahren haben wir uns sicherlich in Richtung Salsa bewegt. In der Schweiz haben langsame, romantische Stücke nicht die gleiche Wirkung wie in Lateinamerika, wo gewisse Lieder die Leute ein Leben lang begleiten. Das Schweizer Publikum ist nicht so sentimental veranlagt und möchten sich lieber etwas austoben. Das finde ich schade, denn ich bin eine ausgesprochene Liebhaberin der „anderen" Seite. Ich mag die langsamen, reinen Sones.
SaSa: Habt ihr eigene Stücke oder spielt ihr Cover-Versionen?
Tanja: Wir spielen einerseits Klassiker. Wir haben andererseits aber auch eigene Stücke geschrieben. So stammt das Lied „Miracle" von mir. Dieses Lied verkörpert einen komplett anderen Stil als traditioneller Son, insbesondere was die Texte anbelangt. SaSa: Habt ihr Pläne, euch in Bezug auf die Besetzung oder das Repertoire zu verändern? In Bezug auf das Repertoire schliesse ich Änderungen nicht aus; wir sind da sehr offen. Hingegen haben wir sehr gute Musiker, gewissermassen genau die Richtigen. Mit denen möchten wir auch weitermachen. Auch sind wir in der Besetzung mit 5 Musikern näher bei den Wurzeln der traditionellen Musik als mit - sagen wir - 8 Musikern. Tanja Nerfin, Sängerin von Ambos Mundos
SaSa: Gibt es CDs von euch?
Tanja: Aber natürlich! Von 1995 stammt die CD „Musica y leyendas yorubas de Cuba". Später habe ich den poetischen Bolero entdeckt und mit dem Gitarristen Lázaro Cárdenas 1998 die CD „Ella cantaba Boleros" aufgenommen. Diese CD ist eine Hommage an den Schriftsteller Cabrera Infantes. Ebenfalls 1998 habe ich die für mich wichtigste CD mit dem Titel „Clasicones del Son" aufgenommen. Die meisten Stücke darauf sind Klassiker. Im Moment sind wir daran, eine vierte CD aufzunehmen. Die CD mit dem Titel „Ambos Mundos: Nueva generación de soneros" wird circa ab März 2001 erhältlich sein. Sie wird unsere aktuellen Stücke enthalten.
SaSa: Gibt es ein Konzert, an das du besonders gerne zurückdenkst?
Tanja: Ja. Wir haben kürzlich an einem der grössten Festivals in Ungarn gespielt, wo es eine Riesenanzahl Zuhörer gab, obwohl die kubanische und die ungarische Kultur so verschieden sind. Ich erinnere mich aber auch gerne an unser erstes Konzert im Jahre 1995 an der Fête de Musique de Genève. Damals hatten wir schon soviel Publikum wie heute an einem normalen Konzert, ohne dass wir damals die heutige musikalische Qualität gehabt hätten. Dieses Konzert hat uns die Zuversicht gegeben, dass wir auch als Musikgruppe vor Publikum bestehen können.
SaSa: Erinnerst du dich noch an die grösste Panne oder an irgendeine Anekdote in der Geschichte der Band?
Tanja: In einer Disco in Lausanne mit dem Namen „La Trace" haben wir beispielsweise erlebt, dass keine Werbung für unsere Konzert gemacht wurde. Das schien die Organisatoren gar nicht interessiert zu haben. Wir spielten dann vor genau 2 Gästen, was unheimlich schwierig ist. Die Organisatoren haben gesagt, dass die Disco mit oder ohne uns laufe, und dass sie einfach mal etwas Farbe in das Lokal holen wollten. Wir haben ihnen dann zu verstehen gegeben, dass wir nicht nur für Geld arbeiten, sondern vor Publikum spielen wollen, und deshalb nicht wieder mit ihnen zusammenarbeiten werden.
SaSa: Gibt es weitere, bereits geplante öffentliche Auftritte von euch in der Region Deutschschweiz?
Tanja: Wir sind gerade am Ende einer Tournee. Mir bleiben noch ein paar Arbeiten, aber die Musiker kehren bald nach Kuba zurück. Wir spielen etwa 8 Monate pro Jahr, vor allem von Juni bis Dezember/Januar. Die letzten Konzerte von Ambos Mundos stehen ganz im Zeichen der Eroberung des französischen Marktes. Ein schwieriger, aber grosser Markt. Schwierig für Künster, weil man in Frankreich einfach nicht bezahlen will. Aber wir stehen an einem Punkt, wo wir denken, dass es möglich ist, auch in Frankreich Fuss zu fassen, auch wenn wir am Anfang kaum was daran verdienen werden. Unsere Tournee wird uns bis nach Paris führen. Während dieser Zeit werden wir wohl von der Kunst und von der Liebe leben müssen. (lacht) ? Thomas Stadler für STZ, Zürich